Über MOOCs und Motivation
von secalcesal
Nach einem Blogeintrag von Julie entstand in den Kommentaren eine relativ rege Diskussion darüber, warum sich Studenten dem MOOC gegenüber so skeptisch verhalten und was die Vorteile eines MOOCs sind.
Da die Diskussion sich mittlerweile um die Frage dreht, was an der Uni verbessert werden kann, habe ich mich dazu entschlossen, meine Antwort auf Andrea Lißners Beitrag hier erneut zu veröffentlichen, um mehr Übersichtlichkeit zu schaffen.
Nachfolgend daher die beiden Kommentare:
Andrea schrieb:
Die Selbstorganisationskompetenz und die Fähigkeit eigenes Lernen und Handeln zu reflektieren wird einem in der Schule nicht mitgegeben. Im Studium wird das bisschen Kompetenz, was man hat, dann auch noch “abtrainiert”, weil man Credits hascht. Mit einem mal fällt man ins Berufsleben, muss sich mehr oder weniger komplett selbst organisieren, muss filtern, planen, einschätzen was einem hilft und was einen hemmt – das hat man aber nie gelernt.
Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, den SOOC mal als Chance zu sehen und neue Handlungsmuster zu entwickeln. Aufgabenlösen und “Machen-was-der-Dozent-sagt” kann man ja auch an anderer Stelle.
Einfach mal drauf einlassen…
Ich bezweifle sehr stark, dass die Schule Selbstorganisationskompetenz und Reflexionsfähigkeit nicht mitgibt und das Studium Ansätze davon vergräbt, statt sie zu wecken. Diese oft verwendeten Schlagwörter treffen das Problem höchstens am Rande.
Wie Online Lerner schon schrieb, organisieren Schüler und Studenten ihren Lernalltag selbst. Dass sie dabei meistens nicht mehr als nötig tun, ist eben genau das: Organisationskompetenz. Und, btw, die allermeisten Schüler reflektieren sehr wohl darüber.
Was den Beruf von der Schule/Uni unterscheiden kann, sind die Anforderungen. Aufgaben werden nicht mehr so exakt gestellt, es wird im Lösungsprozess also mehr Kreativität verlangt (von der Sache, nicht vom Arbeitgeber) und damit auch mehr Freiheit gegeben. Gleichzeitig haben Fehler wesentlich härtere Konsequenzen, was hohe Anstrengung rechtfertigt. Das ist die Grundlage der Motivation im Beruf: Nicht Interesse, sondern unbestimmte Sorge oder Angst vor den Konsequenzen, wenn die Aufgabe nicht gut genug erfüllt wird (Interesse kann dazukommen, ist sogar erstrebenswert, muss aber nicht). Für den Fall, dass das zu dunkel und pessimistisch klingt: Beachtet das Video*, das ich postete, beachtet was uns glücklich macht!
Von Schülern wird oft verlangt, dass sie aufhören sollen, nur die gestellten Aufgaben zu erfüllen, und stattdessen eigene Aufgaben suchen und erfüllen sollen, aus Interesse. Dabei wird übersehen, das die Freiheit, die gegeben wird, eine beschränkte ist (Nicht: “Such dir irgendwas zu tun.” sondern “Such dir jetzt aus diesem Pool eine Aufgabe.”) und die Motivation nicht mitgeliefert wird (weder wird Angst vor Konsequenzen geweckt, noch Interesse**). Stattdessen wird Interesse verlangt. Das aber ist eine unmögliche Forderung. Man kann von keinem Menschen, egal ob jung oder alt, Interesse an einem Thema verlangen. Das würde eine bestimmte Welt- und Wertesicht als allgemeingültig voraussetzen und die Freiheit der Personenentwicklung massiv einschränken. Jeder hat das Recht, sich seine eigenen Interessen zu setzen.
Man darf natürlich versuchen, Interesse in der anderen Person zu wecken. Sollte, als Lehrer.
Warum also sollte ein Schüler, der kaum Konsequenzen zu fürchten hat und momentan außerdem kein Interesse, sich eine Aufgabe für sich selber aussuchen und erledigen?
Aus der Tatsache, dass er dazu keine Lust hat, kann man nicht folgern, dass er genauso im Beruf sein wird – denn da sind die Konsequenzen, wie gesagt, viel schlimmer, und seine Motivation also viel höher.
Vielleicht handelt er mit seiner Weigerung in konkreten Fällen kurzsichtig, wenn es sich um wichtige Lerngebiete dreht. Da sollte der Lehrer dann umso stärker versuchen, Interesse zu wecken und die Wichtigkeit des Gebietes verständlich zu machen (Eine Klärung: Wichtig bedeutet hier nur, dass es eine Kompetenz ist, die im späteren Leben grundlegend sein wird und deren Fehlen sehr schlechte Konsequenzen für den Schüler haben wird. Die Begründung folgt hier also, ultimativ, wieder aus der Sorge/Angst, nur diesmal vom erfahreneren – weitblickenderen – Lehrer getragen).
Es gibt keinen Grund für den Schüler, sich so eine Aufgabe zu suchen. Es sei denn, er hat das Interesse bereits oder es wird durch irgendetwas geweckt.
An dieser Stelle eine triviale Anmerkung zu Interesse im allgemeinen: Man kann sich nur dafür interessieren, was man bereits einigermaßen kennengelernt hat. Niemandes Neugierde wird durch die bloße Bemerkung “Ihr könnt euch dann einen Twitter-Account machen oder auch einen bei WordPress – oder auch nicht, wenn ihr nicht wollt.” geweckt. Vor allem, wenn man gar nicht weiß, was das ist.
Dass Studenten, die explizit nach der Motivation ihrer Belegung gefragt wurden, Scheine und Zeitmanagement anführen (Organisationskompetenz!), ist weder verwunderlich noch auf irgend eine Weise negativ. Vor allem wenn besagte Studenten keine Ahnung hatten, was auf sie zukommt. Es war, behaupte ich, für Web 2.0-fremde Studenten in den beiden Präsenzsitzungen unmöglich, mehr als eine rudimentäre Neugierde für die Vorgänge zu entwickeln. Viel zu theoretisch, abgehoben, unkonkret, unerfassbar (Ich sah selten einen Kurs mit so viel Ratlosigkeit bei so vielen Studenten). Und die beiden Präsenzsitzungen kamen nach der Anmeldung zum Kurs. Dass Julie, die mit all diesen Web2.0-Dingen bereits vertraut war, die Skepsis und Zurückhaltung ihrer KommilitonInnen für Faul- und Abgestumpftheit hält, ist nichts weiter als das Unvermögen, sich in deren Lage hineinzuversetzen. Was nicht negativ gemeint ist, sondern immer wieder auftritt, wenn Leute begeistert von etwas sind und einfach nicht verstehen können, wie man das nicht teilen kann. Es ist schwer, sich in jemanden hineinzuversetzen, dessen Interesse noch kaum geweckt wurde, wenn man selber bereits brennt.
*Das erwähnte Video befindet sich hier.
**On a Sidenote: Es gibt auch andere Motivationsgründe als Angst und Interesse. Soziale z.B., also die Verbesserung des eigenen Status. Ist in der Schule ziemlich wichtig und läuft hierzulande dem Lernen oft konträr entgegen, gerade an Hauptschulen. Ich habe sie aus Darstellungsgründen übergangen. Generell setzt sich Motivation aus verschiedenen solcher Gründe zusammen.
Sorge/Angst ist allerdings der stärkste.
Beim Lesen des Posts fiel mir eine Passage aus dem Buch „Wenn Kinder zu Tyrannen werden“, in der es eben genau darum geht, dass man kleinen Kindern eine gewisse Führung an die Hand geben muss, sonst verirren sie sich und kleine Kinder sind niemals intrinsisch genug motiviert, um „das Richtige“ und nur „das Richtige“ zu lernen.
Aber des Weiteren ist auch zu bemerken, dass von kleinen Kindern gesprochen wird – nicht von Studierenden. Im Sinne es „Loslassens“ (Fading out) sollte die Führung immer großzügiger werden, sodass SchülerInnen/Studierende sind immer stärker selbst orientieren/organisieren müssen. So werden Heranwachsende an die Selbstbestimmung herangeführt. Dann überfordert es auch nicht mehr.
Zum Thema Interesse MUSS man haben, um zu lernen: Man muss kein Interesse an dem Thema haben, man muss nur die Vernunft haben, die Hintergründe (Lernziele) zu erkennen und eine gewisse Frustrationstoleranz zu haben.
Es ist ja auch hier im SOOC so, dass Probleme dargeboten werden, die gelöst werden sollen – wie das geschieht, wird offen gelassen. Das heißt, im Rahmen der verschiedenen Problemlösungsmöglichkeiten, kann die favorisierte ausgewählt werden. (z. B.: Wahlaufgabe „Erstellen der PLE“: Reflexionsaufgabe, sich einmal seine Lernorganisation bewusst machen, Darstellung ist offen)
Das übergeordnete Lernziel ist ja die Nutzung von Web 2.0 für das Lern- und Wissensmanagement – unsere dargebotenen Inhalte sind Angebote, keine Verpflichtungen. Wir möchten ja auch die Angebote, die die Teilnehmenden uns machen, nutzen. (Zum Beispiel der Hinweis, dass eine Facebook-Gruppe für den SOOC gegründet werden soll. Dies können die Teilnehmenden übernehmen und wir sind dann Teilnehmer.)
Besonders bewegt hat mich eigentlich der Einwurf: „Ihr könnt euch dann einen Twitter-Account machen oder auch einen bei WordPress – oder auch nicht, wenn ihr nicht wollt.”
Ich denke, wenn das so angekommen ist, haben wir einen fatalen didaktischen Fehler gemacht, denn wir haben die Lernziele oder die Ziele, die wir (und ich meine wir alle, Gastgebende wie auch Teilnehmende) mit dem SOOC umzusetzen versuchen, nicht ausreichend deutlich gemacht. (hier würde ich mir auch nochmal ein Feedback von anderer Stelle wünschen)
„Vor allem, wenn man gar nicht weiß, was das ist.“
Wir hatten eigentlich ziemlich ausführlich beschrieben, was ein Blog ist, was Twitter ist, was RSS-Reader machen usw. Die zweite Live-Session war da eigentlich sehr umfangreich und wir waren und sind natürlich immer offen für Fragen.
Wir wollten klar machen, dass die Nutzung digitaler Technologien zum Verbreiten und Teilen von Wissen zwar obligatorisch ist – welche Kanäle genutzt werden, ist aber offen.
Wir verstehen sehr wohl, dass man als Studierender Stress hat – bei mir ist es auch noch nicht lang her und ich fand mein Studium auch schrecklich. Aber aus diesem Grund kann ich nicht verstehen, warum man es dann abwertet, wenn versucht wird, die Strukturen aufzubrechen, wenn mal nicht verlangt wird Folien für eine Klausur auswendig zu lernen, wenn man einmal den Eindruck hat (und ich hoffe doch sehr, dass wir den Eindruck erwecken), die/der DozentIn (oder hier eben eher VeranstalterIn) hat Bock auf das was wir hier ein Semester lang gemeinsam machen.
Wir werten nichts ab und auch zu keinem Zeitpunkt haben wir kritisiert, wenn jemand seine Motivation für den SOOC mit „ich will CP haben“ beschrieben hat. Wir versetzen uns auch in die Situation der Teilnehmenden und würden uns umgekehrt ebenso über Empathie freuen.
Viele Grüße,
Andrea
Hey, hab deinen Kommentar zu meiner Schande erst grade bemerkt. Logge mich zu selten in meinen WP-Acc ein und dachte auch, dass ich Kommentare automatische freigeschaltet hätte. Soviel zu meinen Kompetenzen.
Zu deinem Kommentar:
bzgl. Selbstbestimmung: Ein Hauptpunkt meines Artikels, den man aber nur verstehen wird, wenn man das Video mit anschaut, war, dass Selbstbestimmung (im Sinne von Wahlfreiheit haben) wahrscheinlich unglücklich macht.
Das untergräbt die gesamte Vorstellung, die letztlich lautet: Freiheit gut, Selbstbestimmung gut, Erwachsen-Sein heißt sich-selbst-bestimmen.
Ich halte diese Ideen nicht für grundfalsch, aber für gefährlich einfach und undifferenziert. Daher das Gegenargument über die Glücklichkeit, denn wir alle streben ja nach Glück.
bzgl. Interessen: Ja, es stimmt, man muss nicht unbedingt primär ein Interesse an dem Thema haben, das man lernt. Aber was heißt: „Die Hintergrundziele erkennen“? Nichts anderes, als dass man ein Interesse an den Hintergrundzielen hat, und deswegen das Thema gerade lernt, auch wenn man es nicht mag.
Daher: Doch, Interesse ist immer nötig, nur manchmal nicht direkt erkennbar.
bzgl. des letzten Abschnitts hast du mich nur falsch verstanden: Das bezog sich nicht direkt auf euch, sondern auf Julies Reaktion auf die Scheinerwerbskommentare in der zweiten Präsenzsitzung (in Siegen, nicht Online) und sollte beide Seiten erklären.
Das war keine Kritik an euch oder dem MOOC, abgesehen von der Art vielleicht, wie der Kurs und MOOCs und Internetwerkzeuge bei uns in Siegen vorgestellt wurden.
Übrigens, als Anekdote: In der ersten Präsenzsitzung (in Siegen) waren wesentlich mehr Leute da als in der zweiten. Auf die Frage in der ersten Sitzung, wer Interesse am Kurs hat, meldeten sich fast alle Studenten, trotzdem waren kaum noch welche da in der zweiten Sitzung.
Und das Unverständnis war überall greifbar, in beiden Sitzungen.
Dem haben erst die Online-Sessions etwas abgeholfen.
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